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3 erfolglose Eigen-Projekte (+ warum sie scheiterten)

31.8.2015 - von - Online Marketing 3 Kommentare

failed shutter

Mit lesen.net betreibe ich als Geschäftsführer der 4pub GmbH eine nicht nur auf dem Papier durchaus erfolgreiche Fachinformationsseite. Neben dieser und weiteren vorzeigbaren Seiten habe ich allerdings auch schon reihenweise Projekte an die Wand gefahren. 3 inzwischen eingestellte Unternehmungen – und was ich aus ihrem Scheitern gelernt habe.

“Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better”, sagte schon Samuel Beckett. Während allerdings Scheitern in der US-amerikanischen Startup-Szene  absolut akzeptiert ist, fehlt uns in Deutschland eine “Kultur des Scheiterns“.

In der Vergangenheit gescheiterten Gründern haftet oftmals ein Makel an, was für sie fatal und für die gesamte deutsche Wirtschaft bedenklich ist, führt es doch zu mutlosen und angstgetriebenen Entscheidungsprozessen. Dabei hat nahezu jeder heute erfolgreiche Unternehmer etliche Leichen im Keller.

Ich habe in den letzten 15 Jahren gute zwei Dutzend Online-Projekte gestartet, mit naturgemäß (!) höchst wechselhaftem Erfolg. Auf der einen Seite stehen Erlöse aus Projektverkäufen im sechsstelligen Euro-Bereich plus beträchtliche Umsatzerlöse, auf der anderen Seite etliche mehr oder weniger kostspielige Flops. Aber aus jedem einzelnen dieser Projekte konnte ich Lehren ziehen – besonders viele bei gescheiterten Experimenten. Drei Beispiele:

www.spiele8.de (2008-2014)

Bildschirmfoto 2015-08-31 um 15.47.56Worum ging es? 2006 startete ich auf www.playlink.de eine Online-Spiele-Seite, die dank geschicktem SEO innerhalb kurzer Zeit mehrere Tausend tägliche Besucher hatte und mittels Adsense einiges Geld abwarf.

Im Herbst 2007 klopfte die Altigi GmbH an die Tür und kaufte mir das Projekt ab. Anekdote am Rande: Damals zählte das Unternehmen keine 10 Mitarbeiter, zur Übergabe in Hamburg kehrte ich mit den 3 (extrem sympathischen) Geschäftsführern in einer Döner-Bude ein. Heute ist die Altigi GmbH besser bekannt unter ihrer Marke GoodGame Studios und beschäftigt mehr als 1.200 Mitarbeiter – ein Asset-for-Equity-Deal wäre rückblickend sicherlich nicht dumm gewesen.

Wie lief es? Mit spiele8.de wollte ich ein halbes Jahr nach dem playlink.de-Verkauf dessen Erfolg kopieren. Ein Script war schnell gekauft und aufgesetzt. Das Design kam von einer Agentur, die individuellen Betextungen der mehr als 1.000 gelisteten Flashgames von einem freien Journalisten. Allein: Der Google-Algorithmus hatte sich in der Zwischenzeit so geändert, dass Seiten wie diese schlicht keine Chance mehr auf signifikante Besucher-Ströme hatten.

Was ich daraus lernte: Kurz und knapp: Jedes Projekt hat seine Zeit. Und die Zeit für genau so eine Art von Content-Seite war schlicht abgelaufen. Seither setze ich für jedes neue Projekt, und sei es noch so klein, einen groben Business Plan auf und stelle wesentlich mehr Vorab-Recherche an.

www.blindbuch.de (2013-2015)

Bildschirmfoto 2015-08-31 um 15.44.39Worum ging es?Don’t judge a book by it’s cover“, heißt es. Wörtlich genommen ist das aber meist unmöglich – die Entscheidung für oder gegen einen Text ist üblicherweise abhängig von Cover und Titel, Rezensionen, Zusammenfassung und vielen weiteren Variablen. Blindbuch.de sollte Bücher auf den Kern reduzieren, den Text.  Die Texte – nicht zwingend die ersten Seiten des Buches, sondern besonders markante Passagen – wurden “blind” präsentiert, ohne jegliche Angaben zu ihrer Herkunft. So konnten Bücher tatsächlich anhand ihres Inhaltes beurteilt werden: Der Text gefällt oder nicht.

Die Idee entstammte einem Forbes-Artikel, aus dem auch eine US-amerikanische Seite entstand (die es ebenfalls nicht mehr gibt). Die Monetarisierung sollte perspektivisch über (Premium-)Listing-Gebühren von Autoren und Verlagen erfolgen, die ihre Texte anfänglich kostenlos einreichen konnten.

Wie lief es? Technisch war das Projekt ein Kinderspiel, auch contentseitig gab es überhaupt keine Probleme. Ganz ohne Werbung reichten innerhalb kurzer Zeit Dutzende Indie-Autoren ihre Texte ein, nahezu alle angefragten Verlage (zu denen es über lesen.net ohnehin schon Kontakte gab) reagierten äußerst angetan und bewilligten Copy and Paste oder suchten sogar selbst Textpassagen herau. Selbst einige Links kamen von allein, von stolzen Indie-Autoren ebenso wie von Zeitschriften und Nachrichtenseiten, die über das innovative Geschäftsmodell berichteten.

Allein: Die Leser nahmen die Seite nicht an. Über lesen.net konnten wir zwar prima Cross-Promotion betreiben und sehr effektiv Neu-Besucher auf die Seite schaufeln. Die Absprungraten waren allerdings horrend und die Zahl wiederkehrender Besucher nahezu gleich Null. Damit war natürlich auch das Monetarisierungsmodell hinfällig, denn ohne Besucher keine Leads keine Zahlungsbereitschaft.

Gemäß dem genannten Sprichwort “soll” man zwar ein Buch nicht nach seinem Cover (und Kurzbeschreibung, Rezensionen, …) beurteilen. Leser machen es am Ende des Tages aber doch oder beziehen diese Interessen-Indikatoren (!) zumindest lieber in ihre Entscheidungsfindung mit ein, als sich auf der Suche nach ansprechendem Lesematerial durch Textwüsten zu wühlen.

Was ich daraus lernte? Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht den Anglern.

www.[sportwettendomain].com (2013)

Bildschirmfoto 2015-08-31 um 15.43.13Worum ging es? Das Glücksspielmonopol des deutschen Staates zur Durchführung von Sportwetten ist in den letzten Jahren unter juristischen Dauerbeschuss geraten und inzwischen sehr aufgeweicht. Am besten illustriert das die Bundesliga-Praxis: Musste Werder Bremen seinen Hauptsponsor Bwin im Jahr 2006 noch zeitweilig von der Brust entfernen, werden inzwischen 17 von 18 Erstligisten von einem Wett-Partner finanziell unterstützt.

Der Konkurrenzkampf unter den Sportwetten-Anbietern ist groß und der Acker noch weitgehend unbestellt und lukrativ, entsprechend fett sind die in diesem Spannungsfeld gezahlten Affiliate-Provisionen. SEM gibt es nicht, Google verbietet Glücksspielanzeigen – eine Goldgrube für Suchmaschinenoptimierer.

Google-Suchen nach einschlägigen Begriffen beförderte im Jahr 2013 naturgemäß eine ganze Reihe von “Fachseiten” ans Licht, deren optische wie inhaltliche Qualität nahezu durchweg mau bis unterirdisch war. Die Idee: Hier einen seriösen, journalistisch hochwertigen Gegenpol mit tatsächlich neutraler Berichterstattung über den Markt und Anbieter (und nicht Bejubelung derjenigen mit besonders hohen Provisionen ) zu schaffen und damit Anlaufstelle für Wetter, aber auch Informationsquelle (und Linkziel) für Journalisten auf der Suche nach Fachinformationen zu werden.

Wie lief es? Umso mehr ich in die Richtung recherchierte und umso mehr ich mich mit Anwälten austauschte, desto diffuser stellte sich die rechtliche Situation dar. Kurz gesagt stand man als deutscher Sportwetten-Affiliate auch im Jahr 2013 noch mit einem Fuß im Gefängnis, genau genommen bis zu ein Jahr lang gemäß §284 Absatz 4 Strafgesetzbuch. Daran hat sich bis heute nichts geändert, die Rechtmäßigkeit von Online-Glücksspiel beschäftigt etliche nationale wie europäische Gerichte.

Jeder Anwalt, mit dem ich sprach, riet zu einem Betrieb aus dem Ausland beziehungsweise über eine ausländische Firma. Per se kein Problem, aber für ein brandneues Projekt ohne “proof of concept” eben schon sehr viel Vorleistung. Zumal sich das Link Building, unabhängig ob über klassischen Linkkauf oder Content Marketing, definitiv zu einer kostspieligen Herausforderung entwickelt hätte. In sofern wurde das Projekt noch im Closed-Beta-Stadium auf Eis gelegt.

Was ich daraus lernte? Die im Zuge unter anderem der spiele8.de-Pleite erlernte Notwendigkeit umfangreicher Vorab-Recherche hat es mir hier definitiv erspart, “schlechter” Arbeitszeit weitere gute hinterherzuwerfen. Ich halte das geschilderte Geschäftsmodell – richtig angegangen – nach wie vor für aussichtsreich, allerdings auch für ein großes Wagnis.

Im Verbund mit mangelnden Synergien zu weiteren 4pub-GmbH-Projekten war die Entscheidung letztlich eindeutlich. Ein Learning ist sicherlich auch: “Denke groß, aber kenne deine Kragenweite und verzettele dich nicht, sondern fokussiere dich lieber auf erfolgreiche und erfolgsversprechende Geschäftszweige.”

<Bildnachweis: Failed von Shutterstock>

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3 Antworten auf 3 erfolglose Eigen-Projekte (+ warum sie scheiterten)

Michael 31. August 2015 um 17:42 Uhr

Spannender Artikel mit einer sehr schönen (vermutlich unbeabsichtigten) Wortschöpfung am Ende: eindeutlich. Gefällt mir echt gut das Wort.

Was ich bisher nicht verstanden habe ist das Konzept hinter OM8 selbst. Ein SEO-Ding? Aber wofür?

Antworten

Johannes 31. August 2015 um 20:46 Uhr

Danke fürs Lob. Und nein, kein SEO-Ding, dafür wäre der falsche Bereich. Wie der Untertitel schon sagt: Ein “Fachdienst für Online Marketing” mit nutzwertigen Inhalten zum Thema. Ich war ja vor meinem Abgang in die Fulltime-Selbständigkeit vor zwei Jahren Redaktionsleiter Online beim t3n Magazin und hatte einfach wieder Bock auf den B2B-Bereich + Potenzial gesehen.

Wie “global” gibt’s aber auch innerhalb des Projektes viel Trail & Error. Das auf der About-Seite noch genannte werktägliche Briefing ist derzeit on hold, weil der Aufwand noch in keinem vernünftigen Verhältnis zur Resonanz stand. Dafür probiere ich immer neue Dinge wie diesen Artikel (bislang mit Abstand der persönlichste hier). Es bleibt spannend & spaßig :)

Ciao
Johannes

Antworten

Alexander 1. September 2015 um 21:37 Uhr

Danke, sehr spannend! Das ist wirklich, was sehr wenig ans licht gebracht wird – unsere Fehler. Man sieht nur fertigprodukte auch als Menschen und denkt, dass die schon so geboren waren. Es wäre noch sehr interessant zu erfahren, was genau das Scheitern bei einem oder anderem Projekt gekostet hat, also noch mehr Details :)

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