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Wie ein Kindle-Autor 150.000 US-Dollar jährlich durch schlaues Outsourcing verdient

Ein 24-jähriger ist unzufrieden mit seinem Bürojob und kündigt, um seinen Lebensunterhalt als Indie-Autor zu bestreiten. Nach zwei Jahren verdient er mehr 150.000 US-Dollar jährlich – mit Texten, die überwiegend nicht aus seiner Feder stammen. Von seiner geschäftlichen Strategie können sich auch eigentätig schreibende Autoren einiges abschauen.

"Geständnisse aus dem Untergrund der Kindle-Welt" übertitelte das Online-Magazin "The Hustle" den ersten Teil einer Artikelserie über das Geschäft mit Ghostwriting bei eBooks. Im Zentrum steht der Artikel eines anonym bleibenden Unternehmers, der mit billig eingekauften und über den Kindle Store veröffentlichten Texten mehr als 150.000 US-Dollar jährlich erlöst.

5 US-Dollar pro Cover

Cover-Designer bei Fiverr

Cover-Designer bei Fiverr

Der frisch von der Universität kommende junge Mann hört vor zwei Jahren davon, wie viele Autoren sich ein Einkommen über ihre Buchverkäufe aufgebaut haben, das nach Veröffentlichung zu einem großen Teil passiv ist. Anfänglich probiert er sich selbst als Autor von kurzen Ratgebern (rund 40 Seiten), womit er auch durchaus erfolgreich ist – nach einigen Monaten generiert er aus 8 publizierten Ratgeber-eBooks rund 3.000 bis 4.000 US-Dollar monatliche Einnahmen über Amazon. Schon hier lagerte der Autor einen Teil der Arbeit aus: Die – viel gelobten – Cover seiner Bücher bezog er über fiverr.com von Designern etwa aus den Philippinen. Kostenpunkt pro Cover: 5 US-Dollar.

Umsatz-Turbo Auslagerung

Der wirkliche Umsatz-Turbo zündete allerdings, als der Autor auch die Texte outsourcte. Dazu sendete er einen 2.000-Wörter-Entwurf an einen zuvor über ein Forum gefundenen philippinischen Autoren, der ihm eine Woche später eine 20.000 Wörter lange Ausführung zusendete. Das kostete den Autor 150 US-Dollar. Die Überarbeitung der rund 40 Seiten nahm dann noch einmal rund eine Woche in Anspruch, dann veröffentlichte er den Text mit eigenem Account bei Amazon.com. Im Schnitt erwirtschaftet der Autor nach eigenen Angaben mit jedem dieser fremd geschriebenen eBooks 1.000 US-Dollar – Monat für Monat.

Klare Strukturen

Das Prozedere bei der Themenfindung ist immer das Gleiche. Der Autor schaut sich in Ratgeber-Kategorien (wo niedrige Qualität seiner Beobachtung nach am ehesten toleriert wird und die Produktion schnell von der Hand geht) die Bestseller an, und dort neben der Struktur vor allem die negativen Rezensionen – was wird vermisst? Infolge dessen und ein Internet-Recherche entsteht dann eine 20-Kapitel-Übersicht mit je einer Handvoll Stichpunkte, die an einen Ghostwriter übermittelt wird. Fertig. Das Ergebnis ist ein typischer Mee-Too-Artikel, denn: "Den Erfolg anderer zu kopieren ist der beste Weg, erfolgreich zu sein".

Neben Cover-Design und Text lagert der Autor auch einen großen Teil des Marketing aus. Beim Einkauf von 5-Sterne-Reviews verlässt er sich allerdings nicht auf Agenturen, sondern hat sich über Craigslist seine eigenen Einkäufer gesucht. Jede darüber abgewickelte Bewertung seiner eBooks kostet ihn 3 US-Dollar.

Auch Top-Autoren und Verlage lagern aus

Das Geschäftsmodell klingt zunächst einmal sehr dubios. Tatsächlich treibt der Autor hier aber nur einige Maßnahmen auf die Spitze, die in der Buchbranche seit Jahren Gang und Gebe sind.

Patterson-Roman

Patterson-Roman

So bedienen sich zahlreiche Top-Autoren der Hilfe von Zuarbeitern, von der Recherche bis hin zu ganzen Texten. Paradebeispiel ist sicherlich James Patterson, mit 300 Millionen Buchverkäufen in den letzten Jahren laut Spiegel "der erfolgreichste Schriftsteller der Welt". Diese 300 Millionen Verkäufe verteilen sich auf 130 Romane, auf denen der Name von Patterson steht, die aber tatsächlich aus der Feder von 23 verschiedenen Schriftstellern kommen.

James Patterson kümmert sich um "Vision", Abstract und Kurzbeschreibungen der einzelnen Kapitel, der jeweilige Ghostwriter macht den Rest. Der "Untergrund-Verkäufer" hat gegenüber Patterson einfach nur viel geringere Maßstäbe an die Qualität angelegt und darauf auch die Genre-Wahl ausgerichtet.

Gerade im Ratgeber-Genre gibt es auch hierzulande einige Unternehmer, die sehr strukturiert vorgehen. Ein Musterbeispiel dafür ist Madame Missou. Die "Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Schriftstellerin, Künstlerin, Lebenstrainerin und nicht zuletzt auch einfach nur Frau" (Autoren-Bio bei Amazon) ist tatsächlich ein junger Mann, der ebenfalls sehr intelligent Geschäftsmöglichkeiten im Kindle Store auftut und mit eingekauften Texten befüllt.

Verlage lagern schon seit langem Tätigkeiten wie Herstellung, Lektorat und Coverdesign an Freelancer aus, gerade technische Tätigkeiten gerne auch nach Indien oder in andere günstige Regionen. Und der Handel mit Rezensionen ist schon fast ein eigener Industriezweig, an dem auch Amazon mitverdient.

Konzentration auf Kerngeschäft und Erfolgsfaktoren

Ratgeber-Bestseller

Keine Augenweide, aber conversionstark

Aus dem "Geständnis" lässt sich einiges mitnehmen. Im besten Sinne geschäftstüchtig ist etwa die Themenrecherche: Die Frage "was verkauft sich gut, und wie kann man das noch besser machen" mag nicht der Gipfel der Kreativität sein, erhöht aber die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg gegenüber "einfach mal drauf losschreiben" enorm. Auch die Auslagerung möglichst vieler Tätigkeiten an externe Profis ist vorbildlich, bleibt so doch mehr Zeit für das eigentliche Kerngeschäft.

Beim Autor des Artikels besteht das zu einem großen Teil aus "kucken was und warum es funktioniert und daraus Arbeitsanweisungen ableiten", im Bezug auf alle Bereiche von Nische bis Covergestaltung. Getreu dem Motto, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler, präferierte er letztendlich klar sehr simpel und mit riesigem Titel versehene Cover gegenüber schicken wie aufwändigen Gestaltungen, die aber nicht konvertieren.

Hindernis Sprachbarriere

Gleichwohl lässt sich sicherlich nicht alles 1:1 übernehmen und hierzulande anwenden. Wesentliches Hindernis beim Outsourcing ist die Sprachbarriere. Den größten Kostenblock bei Büchern stellt nun einmal der Text selbst dar, und dieser lässt sich nicht deutschsprachig aus typischen Outsourcing-Ländern wie Indien oder China einkaufen. In jedem Fall wäre eine Übersetzung fällig, die wenn selbst durchgeführt viel Zeit verschlingt und wenn von einem Muttersprachler eingekauft den Kostenvorteil zunichte macht.

Risiken und Nebenwirkungen

Und letztlich gibt man durch das Outsourcing von Tätigkeiten auch immer Kontrolle ab, was gewisse Gefahren bergen kann. Diese Erfahrung musste gerade erst das Online-Magazin The Hustle machen, dass das "Geständnis" publizierte. Die Redakteure versuchten den Geschäftserfolg für einen weiteren Artikel zu dublizieren.

Die vermeintlich gemeinfreie Romanze, die die Redakteure im Internet fanden und leicht umgeschrieben in den Kindle Store einstellten (und damit tatsächlich einen Bestseller landeten), war allerdings tatsächlich eine kommerzielle Neuerscheinung und pirateriert. Im Kopf des diese Woche publizierten Artikel prangt inzwischen eine wortreiche Entschuldigung. Bei einem weniger experimentellen Charakter hätten die Redakteure sicherlich tief in die Tasche greifen müssen.

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